An­drea Helten

In­ter­view mit Autor Be­ne­dikt Schwan

Be­ne­dikt Schwan er­fährt mit 41 Jahren, dass er un­fruchtbar ist. Statt sich in seiner Trauer zu­rück­zu­ziehen, wählt er einen an­deren Weg. Der lang­jäh­rige Jour­na­list be­ginnt, zu re­cher­chieren — über die Frucht­bar­keit seines Ge­schlechts, über den ge­sell­schaft­li­chen Um­gang mit einem Tabu-Thema. Er in­ter­viewt Me­di­ziner und Lei­dens­ge­nossen welt­weit und ver­ar­beitet ne­benbei seinen ei­genen, per­sön­li­chen Um­gang mit der Dia­gnose. Heraus kommt ein Buch, das sich offen und ehr­lich dem eher tot­ge­schwie­genen, und doch so we­sent­li­chen Thema der männ­li­chen Ste­ri­lität nä­hert: “Oh­ne­kind”. Wir haben Be­ne­dikt Schwan ei­nige Fragen ge­stellt und klare Ant­worten er­halten.

Herr Schwan, erst einmal Danke – für Ihre Of­fen­heit und den Mut, sich einem Tabu-Thema un­serer Ge­sell­schaft zu widmen: Der Ste­ri­lität beim Mann.

“Gern ge­schehen – ich habe mein Buch „Oh­ne­kind“ ja auch für mich selbst ge­macht, da kam der Mut ir­gendwie von selbst. Es gab diese viel­leicht etwas ver­rückte Idee, mir mein ei­genes Leid von der Seele zu schreiben, gleich­zeitig aber auch an­deren Be­trof­fenen zu helfen und ir­gendwie bei­zu­stehen, die bis­lang keine Stimme haben. Da gibt es so viele da draußen. Ich hoffe, dass mir das zu­min­dest teil­weise ge­glückt ist.”

Schon auf der ersten Seite nehmen Sie uns Leser mit zu Ihrem Sper­mio­gramm-Termin. Sie be­schreiben Ihre Be­hand­lungen hin zu Ihrer ei­genen Dia­gnose „zeu­gungs­un­fähig“ sehr ehr­lich. Sie lassen uns teil­haben an der per­sön­li­chen Ge­dan­ken­welt von Ihnen und Ihrer Frau, mit all den Zwei­feln und Ängsten, die eine Un­frucht­bar­keit mit sich bringt. In­wie­fern war der Schreib­pro­zess eine Ka­tharsis für Sie?

 

“Für mich selbst wird das Pro­blem wohl nie weg­gehen, es ist ständig im Hin­ter­grund prä­sent. Am An­fang stand die Frage, was ich da ei­gent­lich über­haupt habe, was ist mit meinem Körper los und warum bin ge­rade ich be­troffen? Ich wollte – auch, weil ich Jour­na­list bin und Neu­gier zu meinem Beruf ge­hört – mög­lichst viel her­aus­finden über Zeu­gungs­un­fä­hig­keit. Das sollte mir helfen, ir­gendwie Hilfe zu kriegen. Gleich­zeitig ge­lang es mir so, das Thema etwas von mir weg­zu­schieben und den Um­gang damit zu „pro­fes­sio­na­li­sieren“. Das re­du­zierte den Schmerz ein wenig. Ich würde also schon sagen, dass das Schreiben ein ka­thar­ti­scher Pro­zess war. Ich habe dabei viel ge­lernt über mich und an­dere Be­trof­fene.”

„Azoo­spermie“ lautet Ihre Dia­gnose und Sie schil­dern in „Oh­ne­kind“, wie Sie sich dem Be­griff nä­hern. In Foren und Selbst­hil­fe­gruppen re­cher­chieren Sie – und finden heraus, dass Männer nur selten offen dar­über spre­chen, sie ihre Part­nerin vor­schi­cken.
Wieso ist männ­liche Un­frucht­bar­keit Ihrer Mei­nung nach so ein Tabu-Thema für Männer?

Fo­to­credit: Nat Urazmetova

“Das frage ich mich nach wie vor. Ich denke, es liegt daran, dass es den Kern der Männ­lich­keit be­trifft. Man hat das Ge­fühl, nicht richtig zu funk­tio­nieren, seinen von der Natur auf­ge­geben Job nicht zu pa­cken. Haus bauen, Baum pflanzen, Kind zeugen… Es geht an die Sub­stanz, wenn man das eine nicht kann. Viele fragen sich auch, was Frauen von ihnen nun denken. Nehmen die mich noch für voll? Das alles geht einem sehr nahe. Des­halb wird lieber ver­drängt. Dabei sind immer mehr Männer be­troffen und man muss sich dafür nicht schämen, denn man kann dafür nur in den sel­tensten Fällen ir­gendwas!

Manche ver­wech­seln auch Zeu­gungs­un­fä­hig­keit mit Im­po­tenz, dabei hat das über­haupt nichts mit­ein­ander zu tun. Azoo­spermie wie in meinem Fall be­deutet schlicht, dass sich keine Sa­men­zellen im Eja­kulat be­finden, die eine Ei­zelle bei der Frau be­fruchten könnten. Der Sex ist völlig normal und auch die Sa­men­flüs­sig­keit sieht so aus, wie man das kennt.”

Tat­säch­lich aber nimmt die Ste­ri­lität des Mannes in un­serer Ge­sell­schaft Stu­dien zu­folge zu. Warum ist das so?

 

“Seit den Sieb­zi­ger­jahren soll sich die Sper­mi­en­kon­zen­tra­tion im Eja­kulat von Män­nern in den west­li­chen In­dus­trie­län­dern un­ge­fähr hal­biert haben. Das heißt nicht, dass die alle zeu­gungs­un­fähig sind, aber die Zeu­gung macht das na­tür­lich nicht ein­fa­cher. Ent­spre­chend gibt es immer mehr Pro­bleme beim Kin­der­kriegen, die Kin­der­wun­sch­zen­tren sind voll. Man sagt, dass in min­des­tens der Hälfte der Fälle der Mann zu­min­dest be­tei­ligt ist, wenn es nicht klappt mit dem Nach­wuchs.”

 

Zu den Gründen dafür gibt es zwar ei­niges an For­schung, doch das Ge­biet wird leider noch total ver­nach­läs­sigt. Ent­spre­chend gibt es nur Ver­mu­tungen – die che­mi­sche Re­vo­lu­tion etwa, der viele Kunst­stoff, der teil­weise hor­mon­wirksam ist, der Stress in der Ge­sell­schaft, bis hin zu Mo­bil­funk­strahlen, die einen ge­wissen Ein­fluss haben könnten. Wir wissen es aber nicht wirk­lich. Mich hat vor allem über­rascht, wie akut und ver­breitet das Pro­blem ist. Das hat mich be­stärkt, dar­über zu schreiben und mich zu en­ga­gieren – und man fühlt sich auch etwas we­niger al­lein.”

 

Für „Oh­ne­kind“ gehen Sie über die per­sön­liche Ebene hinaus. Sie in­ter­viewen Lei­dens­ge­nossen, einen mor­mo­ni­schen Fun­da­men­ta­listen in Ka­nada mit 150 Kin­dern, be­su­chen Wis­sen­schaftler auf der ganzen Welt und denken dar­über nach, was an­dere Länder wie Nor­wegen besser ma­chen als wir. Wieso war es Ihnen wichtig, das Thema Re­pro­duk­tion / Fa­milie so breit auf­zu­stellen?

“In meiner per­sön­li­chen Ge­schichte war es so, dass ich das Thema Va­ter­sein sehr lange auf­ge­schoben habe. Meine Frau und ich waren Mitte 30, als wir wirk­lich ernst­haft pro­biert haben, El­tern zu werden. Ich habe mir dann die Frage ge­stellt, warum wir das so lange ver­drängt haben und warum das so viele an­dere Men­schen auch tun.

Wieso haben so viele scheinbar so viel Angst davor, Kinder zu kriegen? Was ma­chen wir da ge­sell­schaft­lich falsch, wieso ge­fährden wir die Zu­kunft un­seres Ge­mein­we­sens damit, denn ohne Kinder geht es nicht weiter?

“Hinzu kam die Frage nach dem Va­ter­bild, dass sich in den letzten Jahren stark ge­wan­delt hat. Und ich wollte ein­fach gu­cken, was ich von an­deren lernen konnte über das Thema.

Hinzu kommen die wis­sen­schaft­li­chen und me­di­zi­ni­schen Aspekte männ­li­cher Un­frucht­bar­keit, die ich ein­fach ver­stehen wollte. Ich habe auch ein biss­chen an mir selbst ex­pe­ri­men­tiert, etwa mit einem Sper­mi­en­selbst­test.”

Sie be­schreiben ein­drucks­voll, dass Frauen in der All­ge­mein­me­dizin bei Sym­ptomen und Stu­dien den Kür­zeren ziehen. Da­gegen ist die Wis­sen­schaft der Fort­pflan­zungs­me­dizin je­doch na­hezu aus­schließ­lich auf die Frau kon­zen­triert. Eine früh­zei­tige Dia­gnostik beim Mann wäre doch wün­schens­wert. Was muss sich hier än­dern?

“Das ist eine ganz ko­mi­sche Ge­schichte. Egal ob bei Krebs, Herz­in­farkt oder Darm­er­kran­kungen – die Me­dizin ging jah­re­lang vom Mann als Stan­dard­mo­dell aus. In der Fort­pflan­zungs­me­dizin und Kin­der­wunsch­be­hand­lung fo­kus­sieren wir uns hin­gegen fast nur auf Frauen, die die ganzen in­va­siven Dinge, die harte Hor­mon­be­hand­lung und vieles mehr mit­ma­chen müssen. Männer be­kommen ihre Sper­mi­en­un­ter­su­chung oft erst, wenn es längst zu spät ist. Seitdem es keine Wehr­pflicht mit der Mus­te­rung mehr gibt, guckt sich fernab des Kin­der­arztes auch nie­mand mehr re­gulär ihr Ge­mächt an, mög­liche Er­kran­kungen werden so nicht er­kannt. Ich denke, dass Männer ei­ner­seits nicht gerne zum Arzt gehen, an­de­rer­seits ist bei der Frau auch fi­nan­ziell in der Fort­pflan­zungs­me­dizin ein­fach mehr zu ver­dienen. Ver­zei­hung, wenn ich da etwas zy­nisch bin. Paare, die da durch­gehen, habe es wirk­lich nicht leicht.”

Fo­to­credit: Nat Urazmetova

Was kann die Po­litik tun, um das Be­stehen un­serer Art lang­fristig zu si­chern?

 

“Sie sollte zu­nächst das Pro­blem als Pro­blem er­kennen. Die Ampel hat jetzt einmal be­gonnen, sich dafür zu ent­scheiden, wieder mehr Geld in die Fort­pflan­zungs­me­dizin zu ste­cken, mehr For­schung zu fi­nan­zieren. 2003 war der Po­litik ein­ge­fallen, dass man doch Kin­der­wunsch­be­hand­lungen nur noch in drei Zy­klen und dann auch nur zur Hälfte be­zahlen könnte. Seither ver­schulden sich Leute in die Zehn­tau­sende. Das ist meiner An­sicht nach kom­plett irre. Der Staat sollte alles dafür tun, Men­schen das Kin­der­kriegen zu er­leich­tern. Das be­ginnt bei der me­di­zi­ni­schen Seite, endet aber noch lange nicht bei fa­mi­li­en­freund­li­chen Ar­beit­ge­bern, gut funk­tio­nie­renden Kitas und einer all­ge­meinen Wert­schät­zung von El­tern.

 

Zu­wan­de­rung al­lein reicht leider nicht, unser Ge­mein­wesen zu er­halten, zumal wir da­durch an­deren Län­dern ihre Men­schen „klauen“. Ak­tuell reden wir noch viel über Über­be­völ­ke­rung. Ich pro­phe­zeie, dass sich das bald än­dern wird, denn Un­frucht­bar­keit wird welt­weit zum Pro­blem.”

Was würden Sie aus heu­tiger Sicht Män­nern raten, die noch einen Kin­der­wunsch ver­spüren? Wann sollten Männer sich Ihrer Mei­nung nach mit dem Thema Frucht­bar­keit und Kin­der­wunsch be­fassen?

“So früh wie mög­lich. Ich plä­diere dafür, dass mit Ein­tritt der Pu­bertät ein Sper­mio­gramm ge­macht werden sollte. Ge­nauso wie Frauen ihren Frau­en­arzt haben, brau­chen wir bei Män­nern einen „Män­ner­arzt“. El­tern sollten bei ihren Söhnen ex­plizit auf das Thema Furcht­bar­keit achten. Es gibt Un­frucht­bar­keits­er­kran­kungen wie das Kline­felter-Syn­drom, bei dem man noch etwas retten kann, wenn es recht­zeitig er­kannt wird. Aber das tun wir ak­tuell über­haupt nicht, Männer kommen erst dann zum Arzt, wenn sie das akute Pro­blem haben. Vor­sorge Fehl­an­zeige

 

 

Au­ßerdem finde ich es wichtig, dass es ge­sell­schaft­lich ak­zep­tiert wird, dass Männer aus sich heraus einen Kin­der­wunsch haben. Sie kommen nicht ein­fach nur dazu, wenn bei ihrer Frau die bio­lo­gi­sche Uhr tickt. Ein Kind zu haben, ist bei fast allen von uns, egal ob Mann, Frau, Trans oder Non­binär, ganz tief drin. Des­halb ist der Ver­lust durch Un­frucht­bar­keit auch so hart.”

Sie lassen uns in „Oh­ne­kind“ an Ihren Über­le­gungen teil­haben, eine M‑TESE durch­führen zu lassen, um doch noch eine Fa­milie zu gründen. Letzten Endes ent­scheiden Sie sich aber da­gegen. Hand aufs Herz: Haben Sie es be­reut, Ihre Sper­mien nicht früher ge­testet und ggf. ein­frieren ge­lassen zu haben?

 

“Wir haben uns vor allem da­gegen ent­schieden, weil wir zu alt waren. Ich wollte meiner Frau in den Vier­zi­gern diesen un­glaub­lich harten Pro­zess der Kin­der­wunsch­be­hand­lungen nicht mehr antun, zumal die Chancen sich mit zu­neh­mendem Alter auch stark ver­rin­gern. Also ganz ehr­lich: Ich habe es ex­trem be­reut, mich nicht früher mit dem Thema aus­ein­an­der­ge­setzt zu haben.

Ich weiß nach wie vor nicht, warum ich zeu­gungs­un­fähig bin. Ich ver­suche des­halb, der For­schung zu helfen und ich bin Teil eines Gen­pa­nels, das nach Mar­kern für Un­frucht­bar­keit sucht. Bis­lang gab es hier noch keinen Treffer. Und nie­mand weiß, wann ich un­fruchtbar ge­worden bin, ob es an­ge­boren ist oder erst später kam. Und das geht fast allen Be­trof­fenen so! Ent­spre­chend würde ich alle jungen Männer dazu drängen, sich mit dem Thema zu be­schäf­tigen. Macht so früh wie mög­lich ein Sper­mio­gramm, dann wisst Ihr Be­scheid! Auch wenn Ihr ak­tuell noch keinen Kin­der­wunsch habt. Der kommt dann noch früh genug!”

Über Be­ne­dikt Schwan:

Be­ne­dikt Schwan ist seit über 20 Jahren Jour­na­list und be­schäf­tigt sich mit Fach­ge­bieten Tech­no­logie, Wis­sen­schaft und For­schung. Seine Texte sind unter an­derem in “Zeit On­line«, “Focus” und “Spiegel On­line” er­schienen. Schwan ist ver­hei­ratet und lebt in Berlin. “Oh­ne­kind” ist sein erstes Buch und 2020 im heyne Verlag er­schienen.

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